BNN, 01.10.2010
„Ohne den Druck etwas leisten zu müssen“
Spielgruppe „Leben pur“ für Kinder aus Sucht belasteten Familien ist eine wichtige Prävention
Bruchsal (art). Fast ein Jahr ist es nun her, dass die Kindergruppe „Leben pur“ des BWLV in Bruchsal, des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation ins Leben gerufen werden konnte.
Hier kommen einmal pro Woche Kinder zusammen aus Familien, die durch Sucht belastet sind. „Kinder aus diesen Familien haben ein sechsmal höheres Risiko, selbst abhängig zu werden als Kinder aus unbelasteten Familien“, sagt Lisa Häntsch, Sozialpädagogin und Leiterin der Kindergruppe. „Die Arbeit mit den Kindern ist eine langfristige und ganz wichtige Präventionsmaßnahme.“
Bernd Ratzel, Geschäftsführer der Firma Goecom aus Kronau, Softwarehersteller für Bäckereien, stellt das notwendige Geld zur Verfügung für zum Beispiel Raummiete, Innenausstattung, Spielmaterial oder Personalkosten. „Ich erlebe immer wieder im Geschäftsleben, welche negativen Auswirkungen Sucht hat“, sagt Ratzel und beschreibt damit die Gründe für sein längerfristiges Engagement. „Die Kinder sollen nicht unter ihrer häusliche Situation leiden.“ Die Kindergruppe hat sich Stück für Stück entwickelt. Inzwischen hat die Gruppe einen eigenen Raum, den sie selbst gestalten kann und wo auch mal Bastelarbeiten stehen bleiben können, wenn sie nicht auf einmal fertig werden. Es ist mit dem notwendigsten Inventar einfach und flexibel eingerichtet. Die Kinder können sich auf Sitzkissen im Kreis setzen und einer Geschichte zuhören oder sie können toben, kämpfen, herumrennen und Ball spielen. „Wichtig ist es, dass sie ganz sie selbst sein können, ohne den Druck, etwas leisten zu müssen“, sagt Lisa Häntsch. Zu Hause hätten sie vielerlei Verantwortung zu übernehmen. Sie müssten „funktionieren“; zum Beispiel als Ersatz für einen Elternteil oder für den Partner; sie müssten Verantwortung übernehmen, die nicht ihrem Alter entspräche. „Davon sollen sie hier frei sein“, sagt Häntsch. Oft leiden sie unter dieser Überforderung, können sich aber niemandem mitteilen. Es sind kleine Veränderungen, die die Sozialpädagogin beobachten kann. Wenn zum Beispiel ein Kind nach mehreren Wochen erstmals seine Straßenjacke in der Gruppenstunde auszieht, erstmals herzhaft lacht, sein Schweigen bricht und mit den anderen spielt – kleine Zeichen, die auf eine innere Veränderung hindeuten.
Angesichts des belastenden Familienlebens scheinen eineinhalb Stunden der Unbeschwertheit wenig. „Doch es sind für die Kinder helle Momente in einem oft düsteren Alltag“, sagt Häntsch. „Und ich hoffe, dass es positive Erinnerungspunkte für die Zukunft werden.“ Ziel sei es, auch an dieser Stelle den Suchtkreislauf zu durchbrechen und die Gefährdung der Kinder zu mindern, sagt Sybille Katz, Mitarbeiterin der Fachstelle im Bereich Prävention beim BWLV. Zurzeit besuchen etwa fünf Kinder regelmäßig die Gruppe. Angepeilt ist eine Maximalzahl von acht Kindern für die Gruppe und später eventuell auch ein Angebot für Teenager. „Alle pädagogisch Tätigen sollten ‚im Hinterkopf’ behalten, dass Kinder aus Suchtfamilien einer besonderen Belastung ausgesetzt sind. Wegschauen hilft nicht“, sagt Sybille Katz. Bernd Ratzel freut sich, dass seine Initiative aufgegriffen wurde und wertet die Gruppe, auch wenn sie klein ist, als Erfolg. Ergänzt wird das Angebot für die Kinder durch Elterngespräche.
Information: Der BWLV, Trägerverband der Fachstelle Sucht, ist kompetenter Ansprechpartner in allen Fragen, die sich mit Suchtproblemen befassen. Im Landkreis Karlsruhe hat er Fachstellen in Karlsruhe und Bruchsal. Die Fachstelle Sucht Bruchsal ist in der Hildastraße 1, Telefon 07251/9323840; E-Mail: fs-bruchsal@bw-lv.de. Die Kindergruppe „Leben pur“ trifft sich in den Räumen der Fachstelle einmal wöchentlich und ist für Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren gedacht.

